Wenn die Maschine den Menschen überholt Die stille Revolution des digitalen Kapitalismus.: Ein soziopolitisches Essay
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Offener Brief
Sehr geehrte Damen und Herren,
mir ist bewusst, dass ein offener Brief wie dieser die politische Realität nicht über Nacht verändern wird. Und dennoch schreibe ich ihn – meinem Enkelkind zuliebe, und mir selbst zuliebe.
Meine Generation hat oft gefragt, warum unsere Eltern und Großeltern zur Zeit der Machtergreifung Adolf Hitlers geschwiegen haben. Ich möchte, dass mein Enkelkind eines Tages sagen kann: Mein Opa hat es zumindest versucht. Ich habe über Jahre Dokumentarfilme zur Zeitgeschichte gedrehtund zuletzt ein Essay (oben) über die gesellschaftlichen Folgen der Künstlichen Intelligenz verfasst.
Ein Auszug daraus mag verdeutlichen, worum es mir geht:
„Eine funktionierende Demokratie basiert nicht allein auf dem Akt des Wählens oder der Existenz verfassungsmäßiger Institutionen. Ihr eigentlicher Lebensnerv ist eine intakte, transparente und beratende Öffentlichkeit. Bürger müssen in der Lage sein, Argumente auszutauschen, Fakten zu prüfen und in einem rationalen Diskurs um den besten politischen Weg zu ringen. Nur wo ein gemeinsamer, anerkannter Raum der Information existiert, kann legitime politische Willensbildung entstehen.
Wenn sich Gruppen nicht einmal mehr über die empirische Realität einig sind, wird jeder politische Kompromiss unmöglich. Die Demokratie gleitet ab in eine unversöhnliche Stammeskultur (Tribalismus).“
Wir sind dieser Entwicklung jedoch nicht hilflos ausgeliefert.
Wenn Wissenschaft, Regierung, Gewerkschaften, freie Presse und Industrie den Mut aufbrächten, gemeinsam eine Plattform für die kommunikative Teilhabe der Bevölkerung zu schaffen – mit klaren Regeln und verlässlichen Faktenchecks –, könnte sich etwas ändern. Wir müssen das Internet nicht stillschweigend erleiden. Wir können es gestalten.
Konkret stelle ich mir das so vor:
Der Kern einer solchen Plattform hätte seinen Sitz in Deutschland und würde dort die gemeinsamen Spielregeln setzen – verbindliche Umgangsformen, Transparenz und den Rahmen für den Faktencheck. Von diesem Kern aus könnte sich die Plattform in themenbezogene Unterchats aufgliedern, ähnlich wie man es aus Foren kennt. Entscheidend wäre jedoch, dass zwischen verwandten Gruppen feste Brücken bestehen: Wer sich für ein Thema interessiert, bekäme nicht nur die Sicht seiner eigenen Gruppe zu lesen, sondern automatisch auch Beiträge und Fakten aus benachbarten Gruppen zum selben Thema – die Filterblase würde so strukturell aufgebrochen, ohne dass jemand seine gewohnte Gruppe verlassen müsste. Der Faktencheck selbst könnte, wie bei Wikipedia, von der Gemeinschaft getragen werden: befähigte, transparent gekennzeichnete Nutzer prüfen Aussagen und markieren Quellen – nachvollziehbar für alle, gruppenübergreifend. Die Plattform wird in den Schulen und Bildungsbereichen integriert.
Damit eine solche Plattform nicht an denselben wirtschaftlichen Zwängen scheitert wie die bestehenden Angebote, braucht sie aus meiner Sicht zwei ergänzende Rahmenbedingungen.
Erstens: Sie darf nicht über verhaltensbasierte, personalisierte Werbung finanziert werden. Genau dieses Geschäftsmodell zwingt jede Plattform dazu, Aufmerksamkeit um jeden Preis zu maximieren – und begünstigt damit systematisch Empörung, Zuspitzung und Spaltung, weil sich damit die meiste Verweildauer erzeugen lässt.
Zweitens: Sie sollte, ähnlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, öffentlich mitfinanziert und non-kommerziell organisiert sein, mit einer Struktur, die eine inhaltliche Einflussnahme der jeweiligen Regierung von vornherein ausschließt. Erst ein reguliertes Verbot personalisierter Werbeansprache zusammen mit einem öffentlich getragenen, werbefreien Angebot als echte Alternative würde der Plattform die wirtschaftliche Grundlage geben, dauerhaft unabhängig von der Logik der Empörung zu funktionieren.
Zur Finanzierung sehe ich keine einfache Antwort, aber die größte Aussicht auf Tragfähigkeit hätte aus meiner Sicht eine Kombination aus zwei Bausteinen: eine verlässliche Grundfinanzierung, etwa über den Rundfunkbeitrag oder den Bundeshaushalt, verbunden mit einer Struktur wie beim Bundesverfassungsgericht oder den Rundfunkräten – ein Kuratorium mit festen, überlappenden Amtszeiten und Vertretern aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Presse und Gewerkschaften, das eine politische Einflussnahme der jeweiligen Regierung gesetzlich ausschließt. Das ist nur eine erste Idee, keine ausgearbeitete Lösung – aber ich denke, genau hier müsste die Debatte ansetzen.
Ich bitte Sie, diesen Gedanken nicht als das Anliegen eines Einzelnen abzutun, sondern als das, was er ist: der Versuch eines Bürgers, der die Erosion der demokratischen Öffentlichkeit mit Sorge beobachtet, einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Ich würde mich freuen, wenn diese Zeilen zumindest zum Nachdenken anregen.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Friebe
Meine 2 Filme, eine Region erzählt ihre Geschichte (zwischen Tübingen, Herrenberg und Rottenburg) werden auch in Kinos gezeigt. Aktuelle Termine unter www.mpvf.de
Die Filme wurden in die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg dem filmischen Gedächtnis des Südwestens aufgenommen und stehen dadurch den nächsten Generationen zur Verfügung. Darüber freue ich mich sehr! Sie erzählen die Geschichte von der Kapitulation Deutschlands: der Einmarsch, die Teilung in die Besatzungszonen und die Lebensbedingungen bis zur Währungsunion 1948.
Wie war das Leben der Kinder in der ländlichen Region? Wie spielten und lebten sie? Wie war das Verhältnis zwischen den Besatzungszonen? Was war der Unterschied zwischen dem Land und der Stadtbevölkerung?
Was blieb in ihrer Erinnerung? Was lässt sich davon durch Filmmaterial, Bilder / Kunstwerke des Kunstmuseums / Manfred Luz, Zeitdokumenten – Schwäbisches Tagblatt – , Verordnungen der Militärregierung – Archive belegen und erfahrbar machen oder vertiefen?
Trailer zu den Filmen

Ich bin oft gefragt worden, warum ich so wenig von dem Konzentrationslager (KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen) gezeigt habe.
Die Filme beruhten auf Zeitzeugenaussagen und recherchiertem Material aus Zeitungen und Archiven (1945 bis 1948). In denen, die ich zu meinen Filmen genutzt habe, war darüber nur sehr wenig zu finden.
Ich habe dazu einen Film erstellt.
Manfred Friebe, www.mpvf.de




